Das Glas ist weder halb leer, noch halb voll

Halbvolles Glas in einem Büro. KI-generiert (Nano Banano Pro 2).

In unserem letzten Beitrag haben wir Ihnen die Thesen von Matt Shumer vorgestellt. Er malt darin eine schon sehr bald eintretende Zukunft, in der mehr oder weniger sämtliche „Weißer-Kragen“-Berufe arbeitslos werden. Was er ausblendet: Man mag ja glauben, dass es die „Blauer-Kragen“-Berufe später erwischt, aber wer bezahlt eigentlich den Klempner, wenn Rechtsanwälte und Programmierer ihn sich nicht mehr leisten können?

Man müsste es, folgt man Matt Shumer, schon mit Elon Musk halten, der das Paradies auf Erden verspricht, eine Welt, in der die Produktivität um das Tausendfache steigt, und jeder, wirklich jeder, im Überfluss leben würde. Musk möchte ja nicht nur KI, sondern auch mehr Roboter als Menschen. Und er behauptet, daraus entstünde eine Welt, in der niemand mehr arbeiten muss und dennoch jeder mehr hat, als er überhaupt brauchen kann. Allein, die Geschichte lehrt uns: Gesellschaften, in denen große Teile der Bevölkerung ökonomisch überflüssig werden, tendieren nicht zum Utopia, sondern zur Instabilität – und Schlimmerem. Mal abgesehen davon, womit die Menschen dann ihre Zeit verbringen wollen … Warum gibt sich Musk eigentlich so viel Mühe, dem Planeten zu entfliehen?

Aber es nutzt ja nichts, Schwarzmalerei in die eine oder andere Richtung zu betreiben. Was es braucht, ist eine realistische Betrachtung der Situation – ihrer Gefahren, ihrer Möglichkeiten. Eine sehr gute Replik auf Shumers Artikel kommt von Ben Bentzin, Professor für Marketing an der McCombs School of Business. Er weist zunächst darauf hin, dass Shumer als CEO eines KI-Unternehmens ein Eigeninteresse verfolgt, wenn er die Möglichkeiten von KI in den rosigsten Farben malt. Und während Bentzin einerseits die faktisch richtigen Punkte im Essay von Shumer durchaus anerkennt, und auch, dass die neuen Modelle von Anthropic und OpenAI sowie die neuen agentischen Technologien große Durchbrüche sind, weist er auch auf entscheidende Schwachpunkte in Shumers Argumentation hin.

Bentzin schreibt, Shumer mache den klassischen Fehler der Tech-Elite: Er generalisiert aus seiner Domäne auf die gesamte Wirtschaft. In der Software-Branche gibt es klare Kriterien, der Code läuft oder nicht, automatische Tests, KI kann die eigene Arbeit prüfen (durch Ausführen des Codes). In anderen Branchen wie Recht, Medizin, Finanzen sind die Erfolgskriterien „messy“, nicht digital bestimmbar. Automatische Verifikationen sind für die KI nicht möglich. Shumer behandelt außerdem „KI kann X tun“ als gleichbedeutend mit „KI wird Menschen bei X innerhalb von Y Jahren ersetzen.“ Aber die Technologie-Geschichte zeigt: Die Lücke zwischen Fähigkeit und ökonomischem Impact ist groß und unvorhersehbar.

Radiologie-KI zum Beispiel ist seit fast einem Jahrzehnt „kurz davor, Radiologen zu ersetzen“ – doch die Beschäftigung von Radiologen ist gestiegen, und solche KI macht immer noch erstaunlich grobe Fehler.

Shumer präsentiert auch exponentielle Capability-Kurven, als würden sie unendlich so weitergehen. Das ist zwar nicht unmöglich, aber die Erfahrung spricht viel mehr dafür, dass die Trends abflachen werden.

Das gilt auch beim Programmieren: Schön, dass man nun nicht mehr wissen muss, wo das Semikolon hin muss. Aber bei der Entwicklung guter Software geht es um weit mehr. Ich würde sogar behaupten, Syntax bzw. Code klopfen ist mittlerweile der kleinere Teil eines erfolgreichen Projekts. Intelligente Benutzerführung, hilfreiche Funktionalität und langfristig stabiles Design sind inzwischen viel wichtiger. Und ich sehe zumindest bisher nicht, dass KI ohne einen qualifizierten menschlichen Partner wirklich gute Software schreiben kann, so sensationell die Fortschritte der neuesten Modelle in diesem Bereich auch sind.

Wie schon seit jeher gilt also, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Bentzins Artikel, den wir Ihnen sehr empfehlen, plädiert für einen gesunden Mittelweg: Die neuen Technologien zu ignorieren, wäre ein schwerer Fehler, sie zu überschätzen aber auch. Das Glas ist weder halb leer, noch halb voll – sondern einfach nur doppelt so groß wie nötig, sagt der Informatiker.

Den Artikel von Ben Bentzin „Something Big Is Happening“ Is Worth Reading, Not Swallowing Whole finden Sie unter https://businessai.substack.com/p/something-big-is-happening-is-worth

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