Es wird immer wilder, was die neuen KI-Coding-Assistenten zuwege bringen. Neulich ging es durch die Presse, Anthropic hat Claude einen Compiler bauen lassen. Einen Compiler! Compiler-Bau ist sozusagen Hochamt der Informatik. In jedem Informatik-Studium wird man damit konfrontiert, denn nur wenige Dinge machen den Kern der Technologie so deutlich wie ein Compiler. Und jetzt baut die KI einen. Welcher Platz bleibt da noch für den Menschen?
Aber gemach. Die Modular-Entwickler haben sich diesen Compiler angesehen und einen Code-Review gemacht. Und, tja, dieser Compiler funktioniert zwar, aber ist doch eher ein Spielzeug. Die Fehlerbehandlung und Parser-Rücksetzung sind schwach. System-Header werden nicht geparsed, sondern für Tests hardcoded. KI kann offenbar Muster aus dem Training gut zusammensetzen, scheitert aber bei offener Generalisierung jenseits der Test-Suite.
KI ist exzellent darin, bekannte Abstraktionen zu implementieren – nicht jedoch neue zu erfinden. Wenn Erfolg klar messbar ist (Tests bestehen, kompiliert), funktioniert iteratives Verbessern hervorragend. Innovation hingegen erfordert Urteilsvermögen ohne messbares Ziel.
Wenn Implementierung per KI trivial wird, verschiebt sich der Fokus. Von „Wie bauen wir es“ zu „Was bauen wir“. Von Zeile-für-Zeile-Codierung zu Architektur und Design. Zu mehr spezialisierten Werkzeugen, zu mehr Experimenten.
Chris Lattner, CEO von Modular und Autor des verlinkten Artikels, empfiehlt deshalb drei Schritte:
- KI aggressiv einsetzen, aber Verantwortung behalten – KI beschleunigt, ersetzt aber kein Urteilsvermögen oder Testing
- Menschliche Arbeit „hochziehen“ – weg von mechanischer Arbeit (Rewrites, Migrationen), hin zu Design und Architektur-Entscheidungen
- In Struktur und Dokumentation investieren – KI verstärkt gute und schlechte Struktur. Gut dokumentierte Systeme profitieren dramatisch, chaotische werden zu Alpträumen
Ich kann es aus meiner Erfahrung als Entwickler bestätigen. Nach Jahren freue ich mich nur sehr selten über eine gelungene Code-Umsetzung. Aber über die Ideen, wie Software intelligent Aufgaben lösen kann, und dabei entweder jede Menge Zeit spart, oder Dinge realisiert, die ein Mensch nicht leisten kann – über diese Ideen und Konzepte freue ich mich immer noch, wenn ich damit mal wieder zu tun habe. „Schau, er weiß, dass an der Stelle das-und-das nur so-und-so sein kann, und deshalb macht er gleich dies-und-jenes; und der Benutzer muss keine sinnlose Rückfrage beantworten“, solche Dinge. Und ehrlich gesagt, dabei ist es mir immer herzlich schnurz, wie genau ich das damals in den Code geklopft habe.
Wenn Ausführung einfacher wird, wenn moderne Coding-Modelle mittlerweile sogar besseren Code generieren als die meisten Menschen – dann gewinnen Vision, Urteilsvermögen und Geschmack an Bedeutung. Die Zukunft gehört Teams, die neue Werkzeuge annehmen und gemeinsam bessere Software designen.
Im reinen Coding wird es der Menschheit bald ergehen, wie beim Schachspielen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Aber ob KI tatsächlich jemals in die echte Domäne des Menschen eindringen wird, der Sphäre von Kreativität, Fantasie und „Out-of-the-box“-Denken – das ist für mich, sogar mit all den technologischen Durchbrüchen der letzten Zeit, nur immer fraglicher geworden.

