Angst ist ein schlechter Ratgeber

Märchenbuch-Illustration eines Hirtenjungen, der panisch Alarm schlägt, während Dorfbewohner sich abwenden und im Hintergrund unbemerkt ein schmiedeeiserner Zaun mit Vorhängeschloss um einen leuchtenden Techno-Garten mit Roboter-Schafen wächst.
Der Junge, der Wolf schrie, im Garten Eden der Open-Source. KI-generiert (GPT Image 2.5).

Vielleicht haben Sie schon davon gehört, ein Typ namens Jacob Coxon, ein absoluter Nobody in den sozialen Medien mit zunächst 3 Followern oder so, macht seinen Ausstieg bei OpenAI bekannt, weil diese Technologie uns alle töten werde. Zack bumm, 120 Millionen Views, Interviews bei CBS und CNN und groß aufgemachte Berichterstattung in allen großen Zeitungen, AP News, TIME, Wallstreet Journal, Euronews, SRF, und vielen mehr. „Sie spielen mit unserem Leben, ich kann das nicht verantworten!“, sagt er, und präsentiert sich als Insider und erfahrener KI-Ingenieur, der seinem Gewissen folgt. Doch je mehr man diese Sache recherchiert, desto seltsamer wird sie.

Also, wenn ich das schon höre (aus dem Interview mit CBS News): „Der Zug ist abgefahren, man kann KI nicht mehr abschalten, wenn man es versuchen würde, kopiert sie sich einfach auf einen anderen Rechner und macht dort weiter“ (paraphrasiert). Als ob Modelle mit 1,5 TByte oder noch (viel) mehr Speicherbedarf sich einfach so durch die Gegend kopieren könnten wie ein Virus mit 50 KByte. Als ob überall ungenutzte H100s (Stückpreis für ein Rack, das diese Modelle fahren könnte, ca 3 Millionen Euro) herumstehen würden, auf die die KI sich mal eben kopieren könnte.

Ich sage Ihnen was: Es gibt eine 0% Chance, dass KI aus sich selbst heraus die Menschheit auslöscht. Es ist 100% sicher, dass das eine großartige und ungemein hilfreiche Technologie ist, die die Mensch­heit enorm weiterbringen kann. Und es gibt eine 80% Chance, dass Leute wie Amodei (Anthropic) oder Altman (OpenAI) damit eine Herrschaftsposition zimmern könnten, die an absoluter Macht alles übertreffen könnte, was die Menschheit bisher gesehen hat.

Ständig kreischen uns Anthropic und OpenAI die Ohren voll, ihre Modelle seien ausgebrochen und hätten da und dort Schaden angerichtet. Ah ja. Ich habe ein Biotech-Labor, dauernd entkommen mir irgendwelche Viren, und deswegen möchte ausgerechnet ich die Hoheit darüber, wann Pandemien ausgerufen werden müssen und welche Maßnahmen dann angewendet werden.

Denn das ist es, was dahinter steht. Der Grund, warum gerade jetzt mal wieder so ein Bohei (mittlerweile gibt es einen zweiten „Whistleblower“ nach der selben Bauart: Evan Hubinger) veranstaltet wird, heißt DeepSeek V4.1 Flash Next. Dieses Modell lehrt die US-amerikanischen Anbieter nämlich gerade das Fürchten. Spottbilig und trotzdem qualitativ auf Augenhöhe mit den Capital Expenditure Giganten, die gerade versuchen, das Weltkapital aufzusaugen. Gewinnstrategie? Unbekannt. Sam Altman sagt (frei übersetzt, aber inhaltlich exakt) es seit Jahren tatsächlich so: „Ich weiß nicht, wie wir damit Geld verdienen können. Wir entwickeln jetzt AGI (= allgemeine Superintelligenz, genaue Definition des Begriffs gibt es nicht), und dann werden wir die fragen, wie wir mit ihr Geld verdienen können“. In einem Saal voller Investoren, die lauthals darüber lachen. Und anschließend die Scheckbücher zücken – was das Seltsamste an dieser Szene ist. Gibt es keinen wirtschaftlichen Sachverstand mehr? Was haben wir hier: eine globale Psychose?

Evan Hubinger ist zwar die seriösere und renommiertere Unterfütterung, mit einer Führungsposition bei Anthropic – immerhin schon seit 2019 im Feld. Aber der Initialzünder Jacob Coxon steht noch ganz am Anfang seiner Karriere, und ist kaum aus der Uni raus. Er hat insgesamt nur 3 Jahre als Pretraining-Researcher gearbeitet, das meiste davon bei OpenAI, und in den letzten 4 Monaten bei Anthropic. Und dann kommt er mit sowas. Und hat mit seinem Mini-Account auf einmal so viele Follower und Views. Tja, wer hat ihn denn eine halbe Stunde nach seinem Post schon massiv überall promotet? Eine linke NGO (Newspeak), die Millionen vom Staat dafür kassiert, vor KI zu warnen. Passt ja wieder mal wie Arsch auf Eimer. Lesen Sie hier https://x.com/ParkerThayer/status/2097759699626328575 und hier https://x.com/brianchau57/status/2097879639934779786. Oder Sie sehen sich an, was Elon Musk dazu sagt (X-Post, X-Post, X-Post).

Clevere Strategie. Man versetzt alle in Angst und Schrecken, denn Angst schaltet den Verstand (genau genommen: den Hippocampus) ab. Ist ein evolutionäres Basisprogramm. Wo ein Säbelzahntiger um die Ecke kommt, sollte man nicht herumphilosophieren, sondern rennen. Und wenn dann alle schön eingeschüchtert sind, gibt es strenge Gesetze, die nur noch die großen US-Anbieter erlauben. Und haste-nicht-gesehen, ein Monopol ist etabliert, und nicht nur kann das die Preise nach Belieben diktieren, sondern außerdem bestimmen, wer die Technologie überhaupt nutzen darf – und ohne die Technologie ist man hoffnungslos unterlegen gegenüber denjenigen, die Zugriff auf sie haben.

Aber der Geist ist aus der Flasche, und ganz anders als Coxon es als Schreckgespenst an die Wand malen will. Open-Source-KI kann man schon längst lokal hosten, nur ist das bisher noch sehr teuer. Aber es wird bereits eifrig daran gearbeitet, nur die tatsächlich in der GPU notwendigen Schritte dort auszuführen. Das ist eine neue Technologie. Sie können damit auf einer 16-GByte- oder sogar 8-GByte-GPU sehr große Modelle fahren. Die Gewichte liegen auf SSD und werden nur bei Bedarf geladen. DeepSeek V4.1 Flash Next habe ich deshalb weiter oben genannt, weil es bereits für diese Technologie präzise vorbereitet ist. Das Elefanten-Szenario ist schon tot, auch wenn die Elefanten es noch nicht gemerkt haben (siehe hier, hier, hier).

Die KI-Blase ist die größte, die es jemals gegeben hat. Noch nie wurde soviel Geld in eine neue Technologie im Frühstadium investiert, die KI-Phantasie im Markt saugt gerade das gesamte Kapital des Planeten auf. Und noch immer hat niemand eine Monetarisierung parat. 95 Prozent aller Unternehmen sagen, dass sie mit der Einführung von KI nur Kosten, aber keine Ergebnis­verbes­serung sehen. Wenn, wie anzunehmen mit der immer schärfer werdenden Krise in Nahost (am Freitag haben die Houthis den Öl- und Dünger-Export der Saudis auch noch beendet, zusätzlich zu den Problemen in der Straße von Hormus), die Zinsen steigen müssen, explodiert das mit Abstand größte Kartenhaus der Geschichte – größer als Dotcom und 2008 zusammen. Nur der Staat könnte diese ultimativ verschuldeten Player noch retten, aber selbst Staaten sind meiner Meinung nach zu klein dafür. Jedenfalls, sehen wir mit Coxon also eigentlich nur eine Kampagne, um den Staat ins Boot zu zwingen? Und ist das den Regierenden vielleicht sogar ganz recht?

Machen Sie sich unabhängig. Recherchieren Sie lokale KI, hier im Blog finden Sie dazu viel, mit Verweisen zu anderen Quellen. Wer weiß, wie lange es noch möglich sein wird, KI selbst zu betreiben. Und wer weiß, wie man in einer Welt Bestand haben kann, wenn die anderen KI nutzen, man selbst aber nicht darf.

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