Der Ouroboros von Mountain View

Eine Schlange aus leuchtender Suchleiste und Serverkabeln beißt sich in einem dunklen Rechenzentrum in den eigenen Schwanz und bildet einen Ouroboros.
Ouroboros in Rechenzentrum. KI-generiert (GPT Image 2.5).

Eine halbe Billion Dollar Börsenwert, verschwunden an einem einzigen Handelstag. Kein Skandal, kein Hackerangriff, keine frisierten Bilanzen. Google hat im Grunde nur das getan, was alle seit Jahren von dem Konzern verlangen: Es hat seine Künstliche Intelligenz richtig gut gemacht. Warum wurde ausgerechnet das zum Problem? Und was bedeutet es für alle, die vom Internet leben?

Ein Mittwochabend, ein Donnerstag

Am Mittwochabend, dem 28. Oktober, legte Alphabet die Zahlen für das dritte Quartal vor. Der Umsatz stieg um 25 Prozent auf 127,6 Milliarden Dollar, lag aber trotzdem unter den Erwartungen der Analysten. Die Werbeeinnahmen verfehlten die Prognose um 1,4 Milliarden Dollar. Hinzu kam ein negativer freier Cashflow von rund 9 Milliarden Dollar, das zweite Quartal in Folge. Am Donnerstag verlor die Aktie 12 bis 13 Prozent. Rund eine halbe Billion Dollar Markt­kapitalisierung an einem Tag einfach weg (Reuters, EPR News).

Die Antwort ersetzt den Klick

Der Mechanismus ist banal, und gerade deshalb so wirksam. Steht über den Suchergebnissen eine Zusammenfassung, die die Frage bereits beantwortet, bleibt der Klick aus. Mit dem Klick bleibt auch die Anzeige aus. Das Pew Research Center hat in einer Studie von 2025 gemessen, dass Nutzer mit KI-Zusammenfassung nur in 8 Prozent der Besuche auf einen Link klickten, ohne Zusammenfassung dagegen in 15 Prozent. Googles Werbechef Philipp Schindler führte die überraschend schwache Dynamik im Suchgeschäft auf die zunehmende Nutzung des AI Mode zurück. Das ist die Variante der Suche, in der man mit Google chattet, statt eine Trefferliste zu bekommen. Anzeigen gibt es dort bisher weniger.

Die Werbung bricht dabei nicht zusammen, sie wächst weiter, nur langsamer als erwartet. Genau das reicht an der Börse, wenn gleichzeitig die Sorge umgeht, dass die Künstliche Intelligenz das eigene Kerngeschäft auffrisst. Außerdem werden Googles Modelle immer besser: Gemini 4 Argon ist seit Mitte Oktober verfügbar, und Google hat damit wieder Anschluss an die Spitzenmodelle gefunden, übertrifft sie sogar in manchen Benchmarks. Je besser die Antwort, desto weniger Grund gibt es, weiterzuklicken.

Die Rechnung dafür

Gleichzeitig explodieren die Kosten. Alphabet plant für 2026 Investitionen von 195 bis 205 Milliarden Dollar und hat für 2027 noch deutlich mehr angekündigt. Ein Konzern, der jahrzehntelang eine der größten Gelddruckmaschinen der Welt war, verbrennt jetzt Geld. Microsoft meldete am selben Tag einen positiven freien Cashflow, und die Aktie stieg um mehr als fünf Prozent.

Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt

Die Mythologie kennt dafür den Ouroboros. Noch passender ist vielleicht Erysichthon aus der griechischen Sage: Mit unstillbarem Hunger gestraft, verzehrte er am Ende den eigenen Körper. Auch die Wirtschaftsgeschichte kennt das Muster. Kodak hatte die Digitalkamera erfunden, bremste sie aber aus Angst um das Filmgeschäft aus und musste 2012 trotzdem Gläubigerschutz beantragen. Google macht es anders: Der Konzern bremst nicht, er beißt selbst zu. Baut er die Antwortmaschine nicht selbst, bauen andere sie, und die Suche ist trotzdem verloren.

Nicht nur Google

Googles Problem ist nur das größte Beispiel. Verlage, Testportale, Preisvergleiche, Foren und Blogs, also alle, die ihr Geld über Besucher verdienen, hängen am selben Kreislauf. Die Währung des offenen Netzes war lange der Klick. Eine KI-Antwort erzeugt keinen Klick.

Und wo sind die neuen Geschäftsmodelle?

Es gibt Kandidaten, aber keiner ist bisher ein vollwertiger Ersatz:

  • Abonnements: Sie funktionieren, aber eine zahlende Minderheit ersetzt keine Anzeigeneinnahmen von Milliarden Nutzern.
  • Werbung in KI-Antworten: Google rollt Anzeigen im AI Mode international aus. Offen bleibt, ob sie so viel einbringen wie die klassischen Suchergebnisse und ob Nutzer Anzeigen in einer Antwort akzeptieren, der sie eigentlich vertrauen sollen.
  • Schaufeln im Goldrausch verkaufen: Google Cloud hat den Umsatz auf 30,71 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt, auch der Direktverkauf von TPU-Systemen trägt inzwischen dazu bei. Das funktioniert, verlangt aber gigantisches Kapital. Und wenn jetzt alle Infrastruktur anbieten, wo sind die Anwendungen, für die sich das rechnet? Wie können die enormen Infrastrukturkosten zurückverdient werden?
  • Lizenzen für Inhalte: Einige große Häuser bekommen Verträge, die breite Masse der Anbieter geht leer aus.
  • Agenten, die einkaufen und buchen: eine schöne Idee mit Provisionsmodell, in der Praxis aber noch offen.

Ob eine dieser Antworten die Milliarden der Suchanzeigen rechtzeitig ersetzen kann? Wer weiß. Vielleicht ist Google zwar nicht das Ende der Geschichte, aber der erste Konzern, bei dem man den selbstfressenden Kreislauf in den Quartalszahlen sehen kann.

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