Der Spott ist verflogen – Auch Google schickt Rechenzentrum ins All

KI-Rechenzentrum als Satellit in gleißendem Sonnenlicht im Erdorbit, im Hintergrund ein bedrohlich wirkender Militärsatellit
KI-Rechenzentrum als Satellit im Erdorbit, im Hintergrund ein Militärsatellit. KI-generiert (GPT Image 2.5).

Vor nicht allzu langer Zeit hat man über Elon Musk müde gelächelt, als er Rechenzentren im Erdorbit vorschlug – zu teuer, zu abwegig, ein weiterer Musk-Traum, der nie fliegen würde. Am 1. Oktober startet nun ausgerechnet Google einen Testsatelliten, der genau das beweisen soll. Was hat sich seither geändert – und ist die Idee tatsächlich so gut, wie sie klingt?

Das Projekt heißt Suncatcher, und die Grundidee ist bestechend einfach. KI-Rechenzentren auf der Erde verschlingen Strom in einem Ausmaß, das ganze Stromnetze an ihre Grenzen bringt, und sie brauchen gewaltige Mengen Kühlwasser, um nicht zu überhitzen. Im niedrigen Erdorbit dagegen bekommt man bis zu achtmal mehr Sonnenenergie als am Boden, praktisch rund um die Uhr, ohne Wolken, ohne Nacht in dem Sinn, wie wir sie kennen. Wer also ohnehin Solarenergie braucht, könnte gleich dort hinziehen, wo davon am meisten vorhanden ist.

Der erste Testsatellit trägt den Namen MVP, ist etwa kühlschrankgroß und wird lediglich vier von Googles eigenen TPU-Chips an Bord haben – den spezialisierten Prozessoren, mit denen der Konzern seine KI-Modelle trainiert und betreibt. Ursprünglich sollten die ersten eigens gebauten Satelliten erst 2027 starten, doch Google hat das Tempo erhöht und die Chips kurzerhand in einen bereits vorhandenen Satelliten des Erdbeobachtungs-Unternehmens Planet Labs eingebaut. Mitfliegen wird das Ganze als Rideshare auf einer SpaceX-Falcon-9-Rakete – eine kleine Ironie am Rande, dass ausgerechnet Musks Raketen Googles Antwort auf Musks eigene Idee ins All bringen.

Kühlung im Vakuum ist kein Klacks

Man könnte meinen, im All sei es ohnehin eisig kalt, also müsste Kühlung dort ein Kinderspiel sein. Das Gegenteil ist der Fall, und genau das ist der Knackpunkt des ganzen Projekts. Im Vakuum gibt es keine Luft und kein Wasser, über die man Wärme wie auf der Erde einfach ableiten könnte – die einzige Möglichkeit ist Abstrahlung, und die ist vergleichsweise ineffizient. Radiatoren im Weltraum existieren zwar schon länger, sind aber für relativ geringe Wärmemengen ausgelegt. KI-Beschleuniger produzieren davon um ein Vielfaches mehr.

Googles Lösung besteht aus einer verformbaren Wärmeleitschicht, die die Chips mit Aluminium- und Kupfer-Wärmerohren verbindet, welche die Hitze wiederum zu einem Radiator leiten, der sie ins All abstrahlt. Trotzdem können die Chips nach aktuellem Stand nur etwa 15 Minuten am Stück unter Volllast laufen, bevor sie abgeschaltet werden müssen, damit das Kühlsystem nachziehen kann. Von einem dauerhaft laufenden Rechenzentrum im Orbit ist man also noch ein gutes Stück entfernt – dieser erste Test dient in erster Linie dazu, überhaupt zu verstehen, was funktioniert und was nicht, bevor man ab 2027 größer denkt.

Passender Nebenschauplatz: Brüssel schaut auf den Stromverbrauch

Fast zeitgleich hat die EU-Kommission neue Regeln vorgeschlagen, nach denen Rechenzentren ab 500 Kilowatt Leistung künftig ihre Energie- und Wassereffizienz offenlegen müssen, mit einer Bewertungsskala von A bis G, ähnlich wie man sie von Haushaltsgeräten kennt. Erste Einstufungen sollen 2027 vorliegen. Hintergrund ist, dass die EU ihre Rechenzentrumskapazität in den nächsten Jahren verdreifachen will – und jetzt wächst die Sorge, wie sich das mit Stromnetzen und Wasserreserven verträgt.

Genau hier schließt sich der Kreis zu Suncatcher, denn wenn man ein Rechenzentrum gleich in den Orbit verlagert, umgeht man beide Probleme auf einen Schlag – kein Zugriff auf lokale Stromnetze, kein Kühlwasser aus ohnehin knappen Reserven. Ob das am Ende wirtschaftlich sinnvoller ist als ein Rechenzentrum an Land mit besserer Effizienzklasse, bleibt allerdings offen. Fest steht nur, dass der Druck auf die Branche, ihre Umweltbilanz sichtbar zu machen, gerade spürbar zunimmt, und Weltraum-Rechenzentren plötzlich nicht mehr nur ein Fluchtpunkt für Visionäre sind, sondern eine ernstzunehmende Antwort auf ein sehr irdisches Problem.

Doch wer schützt eigentlich die KI im All?

Ein Seitenstrang, der sich schwer ignorieren lässt: In derselben Zeit haben die USA erstmals offen eingeräumt, über einsatzfähige Waffensysteme im Erdorbit zu verfügen, gedacht als Abschreckung gegenüber China und Russland. Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet zwar Massenvernichtungswaffen im All, konventionelle Waffensysteme aber ausdrücklich nicht – eine Grauzone, die offenbar zunehmend ausgenutzt wird.

Was das für Projekte wie Suncatcher bedeutet, wird interessant. Ein Satellitennetzwerk voller KI-Rechenleistung wäre ein hochattraktives Ziel, sei es für Spionage, Sabotage oder im Ernstfall auch für einen Angriff. Bislang klingt das nach einem theoretischen Risiko, doch die Vorstellung, dass zukünftige KI-Infrastruktur nicht nur gegen Sonneneinstrahlung und Vakuum, sondern auch gegen Militärstrategien anderer Großmächte abgesichert werden muss, gibt dem ganzen Vorhaben eine zusätzliche, unbequeme Dimension.

Fazit

Der Spott über Musks Weltraum-Rechenzentren ist erstaunlich schnell verstummt, seit Google mit eigenem Geld und eigener Hardware nachzieht. Ob sich Kühlung, Strahlenschutz und Kosten am Ende so lösen lassen, dass aus dem Testsatelliten wirklich ein funktionierendes Netzwerk wird, bleibt Spekulation – genauso wie die Frage, ob der Orbit tatsächlich der ruhigere Ort für KI-Hardware ist, wenn dort gleichzeitig neue Waffensysteme entstehen. Für den Moment jedenfalls ist aus einer belächelten Schnapsidee ein ernsthaftes Wettrennen geworden, und das allein ist schon eine Geschichte wert.

Quellen zum Nachlesen:

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