
Der Titel dieses Beitrags schummelt ein klein wenig, denn gelandet wird gar nicht auf dem Mars. Trotzdem fährt in ein paar Jahren ein Stück Europa dort draußen herum, und zwar auf einem Untergrund, auf dem es fast nichts mehr wiegt. Wie das zusammenpasst und warum mich diese Meldung gleichzeitig freut und nachdenklich macht?
Japan fliegt, Europa fährt mit
Am 19. Oktober ist die japanische Sonde MMX mit einer H3-Rakete gestartet, in Japan war es bereits der 20. Start. Ihr Ziel ist Phobos, der größere der beiden Marsmonde. Er ist ein kartoffelförmiger Brocken mit rund 22 Kilometern Durchmesser. Die Sonde soll dort landen, mindestens zehn Gramm Material einsammeln und es 2031 zur Erde bringen. Es wäre die erste Probenrückführung aus dem Marssystem überhaupt. Nebenbei soll die Mission klären, ob Phobos ein eingefangener Asteroid ist oder ein Trümmerrest aus einem Einschlag auf den jungen Mars. Kostenpunkt: rund 578 Millionen Dollar.
Und Europa? Die ESA liefert Kommunikationstechnik an Bord, nämlich Transponder und Leistungsverstärker, und stellt später Bodenstationen aus ihrem Estrack-Netz bereit. Das Infrarotspektrometer MIRS stammt maßgeblich aus französischen Laboren. Dazu kommt Idefix, ein Rover von der französischen CNES und dem deutschen DLR. Er wiegt 25 Kilogramm, auf Phobos aber nur noch etwa 15 Gramm. Ende 2028 oder Anfang 2029 soll er abgesetzt werden und bis zu 100 Tage über die Oberfläche rollen.
Der japanische Projektleiter erklärte sinngemäß, die Partner nähmen wohl an, dass eine Probenrückführung unter japanischer Führung eher gelingt, als wenn die USA oder Europa selbst starten würden. Das ist ein Kompliment an Japan und zugleich eine ziemlich nüchterne Aussage über Europa.
Währenddessen in Florida
Blue Origin hat vergangene Woche angekündigt, in Florida weitere Startplätze für die New Glenn zu bauen. Die FAA prüft gerade den Antrag, die Zahl der genehmigten Flüge von LC-36A von 12 auf 50 pro Jahr zu erhöhen. Das Ziel lautet: mehrere Flüge pro Woche bis Ende des Jahrzehnts. Dafür entsteht für 330 Millionen Dollar eine Fabrik, die bis zu 150 Oberstufen pro Jahr bauen soll. Insgesamt hat das Unternehmen nach eigenen Angaben schon mehr als drei Milliarden Dollar in Florida investiert. Man muss fairerweise dazusagen, dass das Ankündigungen sind. Im Mai ist bei einem Testbrand eine Rakete explodiert, und die nächste Startgelegenheit steht noch aus.
SpaceX hat am 20. Oktober im Rahmen der Mitfluggelegenheit Bandwagon-5 gleich 32 Nutzlasten mit einer Falcon 9 ins All gebracht. Mit an Bord war die Kapsel Starfall, ein Mikrogravitationslabor, das zum zweiten Mal flog. Sie wiegt gut zwei Tonnen und kann bis zu einer Tonne Nutzlast zur Erde zurückbringen. Daneben flog eine Kapsel von Varda Space Industries mit einem Krebsmedikament-Experiment. Es war Vardas neunte Kapsel, und zwei weitere waren erst Anfang des Monats gestartet. Die Erststufe flog übrigens zum 19. Mal und landete als 672. Falcon-Booster überhaupt. Was für uns eine Nachricht ist, ist dort Linienverkehr.
Zaungast mit gutem Platz
Ich will das nicht kleinreden. Als Zulieferer an einer erfolgreichen Mission teilzunehmen ist deutlich besser, als zu Hause zu bleiben, und ein Rover mit europäischen Wurzeln auf einem Marsmond ist etwas Besonderes. Aber der Unterschied zeigt sich im Takt. Wer wöchentlich startet, landet und neu aufbaut, lernt schneller als jemand, der sich alle paar Jahre einen Platz in fremden Missionen sichert. Ob Europa diesen Rückstand aufholen kann? Ein Zaungast mit gutem Platz ist jedenfalls noch kein Mitspieler.
Quellen: Ars Technica zu MMX · ESA MMX-Factsheet · Spaceflight Now zu Blue Origin · Spaceflight Now zu Bandwagon-5 · Space.com zu Starfall
