Letzten Dienstag kam Fable 5 von Anthropic heraus. Laut Anthropic ein für den allgemeinen Zugriff adaptiertes Mythos, das man sicher gestaltet habe. Mythos, Sie erinnern sich, ist das Modell, das angeblich so gefährlich sei, dass man es nur einem streng selektierten Nutzerkreis geben könne. Das „Vergnügen“ (dazu gleich mehr) währte jedoch nur bis Freitag, als Anthropic von der US-Regierung die Exportkontroll-Auflage erhielt, Fable 5 nur US-Bürgern zugänglich zu machen. Anthropic wiederum nahm daraufhin Fable 5 völlig und für alle aus dem Zugriff, weil man sich nicht in der Lage sah, die Nationalität der Nutzer zu bestimmen. US-Regierung und Anthropic versuchen nun, dem jeweils anderen den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben, und die Gerüchteküche läuft heiß. Hat die Entwicklung von KI nun einen kritischen Punkt erreicht, ist es inzwischen tatsächlich zu gefährlich, diese Modelle in den breiten Zugriff zu geben? Oder ist das Teil eines viel größeren Trends, nämlich dem, dass die Allgemeinheit von der technologischen Entwicklung abgekoppelt werden soll?
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, worin ich in den Vorgängen um Fable 5 einen Trend erblicke. Nun, ziemlich untergegangen ist eine zeitgleiche Änderung der Geschäftspolitik von Alibaba. Alibaba stellt die Qwen-Modelle her, absolute Top-Modelle aus China. Spielen in einer Liga mit Deepseek und Moonshot (Kimi) und sind nur wenige Monate, drei oder so, hinter den Frontier-Modellen der USA zurück. Jedenfalls, Alibaba hat seine Qwen-Modelle bisher immer als Open Source auf Huggingface veröffentlicht – letzte Woche aber angekündigt, dass sie das für ihr neuestes Spitzenmodell Qwen 3.7 Max und in Zukunft nicht mehr tun werden. Wir haben Qwen 3.7 Max getestet, und es ist tatsächlich sensationell gut zu erstaunlich niedrigem Preis. Und das heißt eben, es wurden sogar zwei SOTA-Modelle in einer Woche aus dem breiten Markt genommen.
Außerdem sollte Fable 5 sowieso nur für eine kurze Zeit mit den Abo-Plänen verfügbar sein, es hieß, bis 22. Juni. Danach sollte Fable 5 nur noch per API und Token-Abrechnung zugänglich sein. Daraus wurde nichts, wegen der Exportkontroll-Anordnung der US-Regierung und dem Unvermögen von Anthropic, sie umzusetzen, jetzt hat erstmal niemand mehr Zugriff auf Fable 5. Dennoch, es bleibt festzuhalten, dass Fable 5 von vornherein nur sehr begrenzte Zeit in den allgemeinen Zugriff kommen sollte.
Hinzu kommt, ich schrieb ja bereits von einem „Vergnügen“, wir haben natürlich auch Fable 5 getestet, und das ist mit dem (ab 22/6 geplant ausschließlichen API-Zugriff) so teuer, dass man sprachlos ist. Nicht nur hat man die Tokenpreise (Input und Output) verdoppelt, Fable 5 ist zudem der wildeste Tokenverschwender, den ich bisher gesehen habe. Es war ja schon bei Claude 4.7 schlimm in dieser Hinsicht, dann hatte man sich mit Claude 4.8 etwas zurückgenommen. Fable 5 jedoch überbietet alles. Doppelte Preise für absurd viele Token – das knallt richtig rein.
Ein „Vergnügen“ war es aber auch noch in anderer Hinsicht. Einige Kommentatoren sprechen treffend von einem „lobotomierten“ Modell. Es ist fast schon schwierig, von Fable 5 eine Antwort zu bekommen, weil es nahezu dauernd in irgendwelche Guardrails läuft, nicht nur im Bereich Security, sondern auch bei Biologie, Politik, Chemie und weiteren Themen. Entweder man bekommt gar keine Antwort, wird vielleicht sogar gemeldet, oder man fällt auf Opus 4.8 zurück und bekommt qualitativ schlechtere Antworten.
Eine „Digital Divide“ zeichnet sich ab. Nicht nur über den Preis, sondern auch darüber, wer für genehm befunden wird. (Mythos bekommen nur handverlesene Kunden, die nach irgendwelchen Maßstäben als akzeptabel angesehen werden). Und die Nationalität nicht zu vergessen – die Anordnung der US-Regierung richtete sich ja explizit gegen Bürger anderer Nationen, auch wenn Anthropic dann das Modell für alle zurückzog.
Nebenbei, hier noch ein paar weitere „lustige“ Details rund um diesen Vorgang. Massenhaft beschweren sich nun Anthropic-Kunden, sie seien betrogen worden. Die haben nämlich nach Erscheinen von Fable 5 ganz schnell Jahresabos zu Premiumpreisen (2.400 US$) abgeschlossen, weil sie sich damit den Zugriff auf Fable 5 auch mit Abo-Plan und über den 22.6. hinaus sichern wollten. Jetzt gibt es gar kein Fable 5 mehr, und deshalb wollen diese Kunden ihr Geld zurück, das sei Betrug, sagen sie. Auch nett ist, wer denn eigentlich die US-Regierung überhaupt auf die Idee gebracht hat, das war nämlich Amazon, interessanterweise (auch) ein Konkurrent im KI-Bereich, der mit den eigenen Modellen weit hinterherhinkt. Amazon hätte es mit geschicktem Prompting geschafft, die Guardrails von Fable 5 zu durchbrechen, und damit sicherheitskritische Informationen erhalten. Und das haben sie dann natürlich gleich brühwarm den Regulierungsbehörden zur Kenntnis gebracht. Last but not least, die Häme, die sich jetzt über Amodei (CEO Anthropic) ergießt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Es ist nämlich gerade Anthropic, das schon seit Jahren eine Publicity-Strategie betreibt, mit der sie für jedes neue ihrer Modelle den Weltuntergang an die Wand malen, und – man glaubt es kaum – ständig dafür werben, die Regierung müsse KI regulieren. Na, da hat Amodei also endlich bekommen, was er sich doch so sehnlich gewünscht hat.
Europa, das bereits sehr weit ins Hintertreffen geraten ist, muss nun aufpassen, dass es nicht endgültig aus der neuen Technologie ausgeschlossen wird, ohne die, das kann man sicher sagen, der Kontinent in die völlige Bedeutungslosigkeit fallen wird. Das Zeitfenster, daran noch etwas zu ändern, schließt sich rasend schnell. Es mangelt an Hardware (der gesamte europäische GPU-Bestand entspricht 15% der GPUs in nur Musks Colossus 2 Rechenzentrum, und das ist nur eines von sehr vielen solcher Zentren und noch vielen mehr, die im Bau sind). Kein Wunder, der „Green Deal“ verhindert ja ohnehin, dass die GPUs überhaupt betrieben werden können, es gibt die Energie ja gar nicht. Und was die Software angeht, da gibt es Mistral im Bereich AGI und Black Forest Labs im Bereich KI-Bildgenerierung, und sonst praktisch nichts. Mistral ist chancenlos gegen die amerikanische und chinesische Konkurrenz und weit zurück. Black Forest Labs war mal kurzfristig Weltspitze, aber seit Nano Banana von Google und GPT Image 2 von OpenAI hat man auch dort den Anschluss verloren.
Hat Europa überhaupt noch eine Chance? Ja, durchaus. Ich erinnere an das Beispiel von Cursor, dem AI Editor. Cursor hat das freie Modell Kimi K2.5 von Moonshot genommen, und es speziell für Coding trainiert. Das Ergebnis wurde als Composer 2.5 veröffentlicht und ist sensationell – extrem gut und gleichzeitig günstig. Cursor arbeitet außerdem bereits an Composer 2.6, dieses Modell wird auf Kimi K2.6 aufsetzen und in Zusammenarbeit mit SpaceX in deren Rechenzentren trainiert. Was ich damit sagen will: Noch gibt es freie Modelle hoher Qualität, die jeder – auch jede Regierung – als Basis für eigene Modelle verwenden kann, um die bestehende riesige Lücke schnell zu schließen; Hardware und Energie vorausgesetzt, versteht sich. Und wenn dann erst einmal ein gutes Fundament geschaffen wäre, kann man damit weitermachen – und muss nicht als Erstes eine riesige, kaum noch zu überbrückende Lücke schließen, in welche eine kurzsichtige Politik mit völlig falschen Prioritäten geführt hat.
Europa hat ein großes demographisches Problem, viel zu wenig Kinder werden noch geboren. Wenn Sie sich dazu die Beispiele von Japan und China ansehen, mit eben demselben Problem, die sich jedoch strikt weigern, diesen Demographie-Bruch mit kulturfremden Migranten überwinden zu wollen, sondern stattdessen auf Produktivitätssteigerung mittels KI und Robotik setzen – dann erscheint zumindest mir eine solche Strategie weit passender und erfolgversprechender als die sehr ungewissen Aussichten eines multikulturellen Experiments (wie es Yascha Mounk – zustimmend und begeistert – in den Tagesthemen genannt hat). Ich denke, ganz besonders Deutschland würde, mit seiner großen Geschichte von Ingenieurskunst und Erfindergeist, weit besser fahren, wenn es sich wieder auf seine Stärken besinnen und entschlossen den Aufbruch in eine neue Zeit wagen würde.

