Ideologie der Selbstzerstörung

Wissenschaftler in Sträflingskleidung mit Fußfessel projiziert eine holografische 3D-Welt in einem High-Tech-Labor als Symbolbild für Europas selbst auferlegte KI-Beschränkungen durch Regulierung und Energiepolitik.

KI scheint in der allgemeinen Wahrnehmung nur in den USA und in China stattzufinden. Europa ist völlig abgehängt. Besser gesagt, es hat sich selbst abgehängt. Wer topmoderne und hocheffiziente Kraftwerke ohne jede Not in die Luft sprengt, und Elektrizität mit Technologien aus dem Mittelalter erzeugen will, hat bei künstlicher Intelligenz mit ihrem hohen Strombedarf natürlich schlechte Karten, und hinzu kommt eine blinde Regulierungswut, bei der immer Bedenken und Kontrollzwang an erster Stelle stehen. Dabei wären das Wissen und die Ideen durchaus vorhanden. Ein gutes Beispiel liefert das Feld Spatial AI.

Spatial AI ist ein Forschungsfeld für Modelle, die aus Bildern oder Textprompts eine begehbare, persistente und physikalisch korrekte 3D-Welt erzeugen. Man füttert das System mit Fotos oder Panora­men, und heraus kommt eine fotorealistische, in Echtzeit im Browser erkundbare 3D-Szene als Gaussian-Splat-Welt – begehbar mit WASD, editierbar, exportierbar in gängige 3D-Formate, ansteuerbar über eine API für Agenten, Simulationen und Entwicklerpipelines.

Warum ist Spatial AI so wichtig? Vor allem im Zusammenhang mit Robotik. Wenn man einen Roboter in einer virtuellen Welt trainieren kann, dann kann dieser zum Beispiel hunderttausende Simulationen in Sekundenschnelle durchführen, wie er am besten eine Spül­maschine ausräumt. Ohne dass dabei etwas kaputtgeht, und sobald es ein Roboter weiß wie der optimale Weg ist, wissen es alle.

Eines der führenden Unternehmen auf diesem Gebiet ist SpAItial aus München. Das Bemerkenswerte daran: SpAItial ist kein Ableger von Google oder Meta. Das Unternehmen ist aus tiefgehender Forschung an der TU München hervorgegangen, mit einer $13-Millionen-Seed-Runde im Rücken. Es reiht sich damit in ein Feld ein, in dem gerade Milliarden fließen: Genie 3 von Google, Marble von Fei-Fei Lis World Labs, Yann LeCuns V-JEPA-Ansatz bei AMI Labs – und mittendrin ein Team mit deutschen Wurzeln, das bei der geometrischen und physikalischen Modellierung von Räumen technologisch mitspielt statt nur zuzuschauen.

Und SpAItial ist kein Einzelfall. Auch SE3 Labs aus München – gegründet von Lukas Köstler, Simon Klenk und TUM-Professor Daniel Cremers – arbeitet an Spatial AI, die komplexe 3D-Daten analysiert wie ein menschlicher Experte, mit Anwendungen von Infrastruktur bis Verteidigung. Von acht auf über zwanzig Mitarbeiter in kurzer Zeit gewachsen, mit Auszeichnungen im Rücken. Zwei Spatial-AI-Firmen mit TUM-DNA, praktisch zeitgleich – das ist kein Zufall, sondern ein Beleg: Die Grundlagenforschung an deutschen Hochschulen ist konkurrenzfähig. Weltklasse sogar.

Mit dem Blick nach Frankreich findet man Mistral AI. Bei einer Bewertung von rund 11,7 Milliarden Euro, einer ARR von etwa einer Milliarde US-Dollar und einem eigenen, milliardenschweren Rechenzentrum-Ausbau ist Mistral ein Gegenspieler von OpenAI, Anthropic und Google im Bereich Künstliche Intelligenz. Derzeit rangiert das Unternehmen zwar qualitativ betrachtet gegenüber den neuesten KI-Entwicklungen aus den USA und China weit abgeschlagen (im BenchLM zum Beispiel liegt Mistral Large 3 bei einem Score von 49,5 und damit weit hinter den Top-Modellen aus den USA und China). Aber wie man hört, soll es von Mistral bald wieder ein neues Modell geben. Zeit wird’s, Mistral 3 ist nach KI-Maßstäben bereits ein Methusalem, gegen die aktuellen Technologieführer hat es nicht den Schatten einer Chance.

Wie auch immer, die Beispiele zeigen aber: Wenn Kapital, politischer Wille und wissenschaftliche Substanz zusammenkommen, kann auch in Europa vieles entstehen, das global mithalten kann. Das Wissen, das Talent und die Ideen sind ja da.

Doch Millionen junger Ingenieure wandern aus. Nach einer aktuellen INSA-Umfrage wollen 14 Prozent der deutschen Erwachsenen, rund 8,2 Millionen Menschen, innerhalb der nächsten fünf Jahre auswandern, und bei den 18- bis 39-Jährigen sind es sogar über ein Viertel. Ein Braindrain nie gekannter Dimension findet gerade statt. Denn Europa und besonders Deutschland kämpfen mit hausgemachten Blockaden.

Erstens Strom. Die Energiepreise schießen in den Himmel, reihenweise kollabieren Unternehmen, weil sie das nicht mehr bezahlen können. Politische Ideologie steht vor Sinnhaftigkeit und Rentabilität, und inzwischen werden wir auf mehrwöchige Blackouts und Brownouts vorbereitet, in denen die Unternehmen ihre Produktion einstellen müssen – ohne Entschädigung.

Zweitens Regulierung. Der AI Act, DSGVO-Auslegungen, nationale Zusatzauflagen – jede einzelne Regel mag mit gutem Grund entstanden sein. In der Summe erzeugen sie aber genau das Gegenteil von Innovationsfreundlichkeit: Unsicherheit, Bürokratieaufwand und eine Beweislast, die vor allem junge, unterkapitalisierte Teams ausbremst, während große US-Konzerne die Compliance-Kosten aus der Portokasse zahlen.

Ein Umdenken ist überfällig – aber machbar. Es ist kein Wissens- oder Talentproblem. TU München, RWTH Aachen, Max-Planck- und Fraunhofer-Institute liefern seit Jahren Grundlagenforschung auf Weltniveau. SpAItial, SE3 Labs und zahllose weitere Spin-offs sind der Beleg dafür, dass aus deutscher Forschung Weltklasse-Produkte entstehen können – wenn man sie lässt.

Und nur dieses „lassen“ ist der Engpass. Es braucht:

  • Energiepolitik, die Rechenleistung ermöglicht statt verhindert – schnellerer Netzausbau, planbare Strompreise, pragmatische Genehmigungsverfahren für Kraftwerke und Rechenzentren, statt jahrelanger Verfahren gegen jede neue Stromtrasse.
  • Regulierung, die Risiken adressiert statt Innovation zu ersticken – der AI Act sollte Leitplanken setzen, nicht jede experimentelle Anwendung im Keim ersticken. Kleine Teams brauchen Rechtssicherheit ohne Anwaltsheer.
  • Kapital und politischen Willen wie in Frankreich – die Franco-German-Partnerschaft mit Mistral und SAP ist ein richtiger erster Schritt. Sie darf kein Einzelfall bleiben, sondern muss zum Muster werden, auch für rein deutsche Champions.

Europa hat die Wissenschaft. Europa hat inzwischen mit Mistral auch den Beweis, dass daraus Weltklasse-Unternehmen werden können. Was fehlt, ist der politische Rahmen, der aus deutscher Spitzenforschung wie bei SpAItial oder SE3 Labs nicht die nächste Auswanderungsgeschichte macht, sondern einen neuen europäischen Champion. Die Blaupause liegt auf dem Tisch – jetzt muss die Politik sie nur noch umsetzen, statt sie zu verhindern.

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