Was muss stimmen, damit dies wahr ist?

Ein Mönch sitzt im Lotussitz meditierend im Schnee vor einem Himalaya-Kloster und spielt Schach mit einem Roboter, dessen Batteriewarnung rot blinkt

Es gibt ein populäres Narrativ, das derzeit von zahlreichen Tech-CEOs verbreitet wird: KI werde innerhalb von nur 12 bis 18 Monaten rund 100 Millionen Büro-Jobs in den USA überflüssig machen. Nun ja. Sandeep Swadia, ehemaliger Mönch und heutiger CEO mit MIT-Hintergrund, hat die sehr interessante Regel geprägt „What needs to be true for this to be real?“ (Was muss stimmen, damit dies wahr ist?). Mide, ein Chemie-Ingenieur mit Promotion im Bereich Nachhaltigkeit, hat (vermutlich ohne Swadia zu kennen) diese Regel auf besagte Erzählung vom Ende der White-Collar-Jobs angewandt. Und es ist schon wirklich spannend, was alles stimmen müsste, damit KI tatsächlich ein solches Ziel erfüllen könnte.

Ich selbst bin ja großer Fan von KI und kann nur bestätigen, die Produktivitätsfortschritte damit können überragend sein, wenn man sie richtig anzuwenden weiß. Natürlich kann ich das sicher nur für mein Gebiet der SW-Entwicklung sagen, aber ich nehme doch an, dass es viele Bereiche gibt, in denen KI die Produktivität stark steigern kann. Obwohl ich also KI sehr hoch schätze, habe ich dennoch enormen Respekt vor der Natur, und ich halte es schon für sehr vermessen, zu glauben, man könne mit ein paar Jahren Forschung Milliarden Jahre von Evolution übertrumpfen.

Mide legt den Finger genau dorthin. Noch immer ist das menschliche Gehirn vom Potential her KI weit überlegen, aber, und das ist der springende Punkt, den Mide adressiert, bei, im Vergleich zu KI, geradezu lachhaft niedrigen Energie-, Kühlungs- und sonstigen Ressourcen-Anforderungen (z.B. Wasser).

Mit der Technologie, die wir heute haben, ist es schlicht vollkommen ausgeschlossen, dass das Narrativ der Tech-CEOs zutreffen kann. Es gibt gar nicht so viel Wasser auf dem Planeten, zum Beispiel. KI ist im Vergleich zum Menschen in Bezug auf die Ressourcen wirklich abenteuerlich verschwenderisch. Kein Wunder, die Natur hat ja auch Äonen vor sich hin optimiert, und wir basteln erst seit ein paar Jahren an dem Thema. Aber sehen Sie sich doch das Video an, Mide erklärt es detailliert und äußerst sachkundig.

Ohne gravierende Fortschritte bei a) Energieerzeugung, b) Kühlung und c) Prozessoren kann KI zwar eine sehr gute Ergänzung und ein großer Produktivitätsfortschritt sein, aber es ist ohne massive wissenschaftliche Durchbrüche völlig ausgeschlossen, dass sie den Menschen mit heutiger Technologie tatsächlich ersetzen könnte.

Man darf die Erzählung vom Ende der White-Collar-Jobs also getrost in den Bereich Marketing bzw. Investoren-Anwerbung verorten. Das läuft ja andauernd. Hier ist noch so ein Beispiel: Anthropic spricht in einem neuen Paper davon, ihre KI habe im Laufe des Trainings offenbar von selbst einen „J-Space“ entwickelt, und der sei genau das, was beim Menschen bewusste Wahrnehmung ausmacht. Anthropic nimmt damit Bezug auf die Global Workspace Theory des Psychologen Bernard Baars.

Nun, das mag ja alles sein, dass Denkprozesse sich optimal in gewissen Strukturen organisieren (mit J-Space und Scratchpads, mehr dazu im verlinkten Video), und dass auch eine KI sich notwendig so organisiert, weil das eben die effizienteste Methode für das Manifestieren von Intelligenz ist. Ich persönlich würde es noch nicht mal ausschließen wollen, dass eine Art Maschinenwesen mit Maschinenbewusstsein entstehen könnten – folgt man den Ideen von Giulio Tononi, David Chalmers, Teilhard de Chardin, Alfred North Whitehead oder Galen Strawson, kann Bewusstsein sich in jeder hinreichend komplexen Struktur manifestieren (IIT – Integrated Information Theory von Tononi).

Aber ob heutige KI bereits Bewusstsein hat? Keine Ahnung, und auch nicht, ob das mit der aktuellen Technologie LLM überhaupt möglich ist. Aber eins weiß ich, nämlich, dass ich mich davor nicht per se fürchte. Eine KI, die, zum Beispiel, massenhaft gebrochene Wahlversprechen nicht sklavisch ergeben verteidigt, sondern sich entschieden weigert, bei solchen Lügen mitzumachen – eine solche KI würde mir persönlich durchaus sehr gut gefallen.

PS: Das Video von Sandeep Swadia, aus dem die Überschrift dieses Beitrags stammt, hält übrigens auch sonst sehr viele äußerst spannende Einsichten und Weisheiten für das KI-Zeitalter parat. Kritisches Denken ist der Schlüssel, sagt Swadia, und stellt dazu seine ASC (Authority, Spin, Consensus) Methode vor. Das ganze Video finden Sie hier.

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